Kultur aus der Kulturstraße

Augsburg hat eine Kulturstraße. Aber kulturell hat sie es bislang nicht auf das Radar der Stadt geschafft. Das wird sich in den nächsten Wochen nun jeden Dienstag ändern.

TEXT/FOTO: Richard Mayr und Michael Schreiner

Wer das erste Mal am Straßenschild vorbeifährt, reibt sich die Augen: Kulturstraße. So steht es da. Nur sind die Theater, die Museen, die Konzertsäle ziemlich weit von der Augsburger Kulturstraße entfernt. Sie liegt nämlich in Lechhausen, geht dort von der Blücherstraße ab, ist nicht einmal eine Einkaufs-, sondern eine Wohnstraße. Und trotzdem: Es ist dem Namen nach die Kulturstraße in Augsburg.

Sechs Wochen lang wird sich das Feuilleton regional der AZ das zu Herzen nehmen. Jeden Dienstag werden wir unsere Zeitungsseite dort vor Ort an einem kleinen mobilen Stand produzieren. Wir werden darüber berichten, wie die Straße zu ihrem Namen kam und wer dort heute lebt. Wir werden darüber berichten, was in der Straße passiert.

Wir werden außerdem jeden Dienstag Gesprächspartner einladen, mit denen wir uns über das kulturelle Leben in Augsburg und der Umgebung unterhalten. Und: Mancher Gast wird auch mit der einen oder anderen kleinen Überraschungsdarbietung aufwarten: musikalisch, literarisch oder künstlerisch.

Wir möchten mit Ihnen ins Gespräch kommen

In der Augsburger Kulturstraße startet Ihr Feuilleton regional ein Zeitungsexperiment, an dem auch Sie eine maßgebliche Rolle spielen können. Denn Kultur ist nie nur das, was Kulturveranstalter anbieten, zur Kultur gehört immer auch das Publikum, gehören diejenigen, die sich eigene Gedanken machen und eigene Wünsche formulieren. Jeden Dienstag haben Sie die Möglichkeit, in der Kulturstraße mit Michael Schreiner und Richard Mayr ins Gespräch zu kommen.

Und Gesprächsbedarf bieten diese Tage ja wahrlich genug. Eben erst hat die Stadt nach Jahrzehnten des Zögerns und Zauderns die Sanierung des Stadttheaters beschlossen. Aber nicht alle in der Stadt stehen hinter dem Projekt. Oder denken Sie nur an das Römermuseum, das aus der baufälligen Dominikanerkirche ausziehen musste. Braucht Augsburg nicht auch dafür ein angemessenes Haus? Oder sind Sie der Meinung, die Stadt müsste viel eher an die Stadtteile denken und dort mehr Präsenz zeigen?

Genau das versuchen wir sechs Wochen lang. Also: Merken Sie sich die Dienstage vom 4. August bis zum 8. September in ihrem Terminkalender vor. Sie finden uns jeweils von 11 bis 15 Uhr in der Kulturstraße.

Und wenn Sie nicht selbst vorbeikommen können, schreiben Sie uns einfach, was Sie zum kulturellen Leben Augsburgs zu sagen haben. Sie erreichen uns per E-Mail an kulturstrasse@augsburger-allgemeine.de.

Telefonisch sind wir auch zu erreichen und zwar unter der Nummer 0160/4787353. Oder schreiben Sie uns eine SMS. Alles rund um die Serie „Kultur aus der Kulturstraße“ können Sie außerdem im Internet auf unserer Homepage augsburger-allgemeine.de/kulturstrasse verfolgen. Seien Sie gespannt. Wir sind es auch.

Wieso heißt die Kulturstraße eigentlich so?

Als die Kulturstraße in Augsburg ihren Namen erhielt, hatte das nichts mit Museen oder Theatern zu tun - sondern mit Maulbeerbäumen.

TEXT/FOTO: Richard Mayr und Michael Schreiner

Wie kann es sein, dass Augsburgs Kulturstraße in Lechhausen so wenig Kulturelles bietet? Lag das an einem Versehen bei der Namensgebung? Man würde rein gefühlsmäßig eine solche Straße ja eher irgendwo zwischen Theater und Maximilianmuseum vermuten, im Zentrum der Stadt. Wir haben nachgefragt bei einem Fachmann für solche Angelegenheiten, nämlich bei Wilfried Matzke, dem Leiter des Geodatenamts der Stadt Augsburg. Der Diplomingenieur der Geodäsie (der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche) beschäftigt sich gerne mit der Geschichte der Vermessung, Kartografie und Adressierung in Augsburg. Matzke hat uns folgenden erklärenden Text geschickt:

„Die ,Kulturstraße‘ in Lechhausen soll an zweierlei Dinge erinnern. So verweist der Straßenname der 1860er Jahre auf die einstige Landkultivierung hier im südlichen Lechhausen. Diese geschah ab dem Jahr 1803 auf Veranlassung des bayerischen Kurfürsten Maximilian IV. Große Bereiche der teilweise bewaldeten Lechhauser Au (heute: südliches Lechhausen), der Friedberger Au (heute: Hochzoll) und der Meringer Au (heute: Siebenbrunn) wurden Rodungs- und Siedlungswilligen günstig zum Kauf angeboten. Hier im südlichen Lechhausen ging eine riesige Fläche von fast 100 Tagwerk an einen Augsburger Handelsherrn namens Muaoni.

Kulturstraße verweist auf eine andere Art von Kultur

Der Straßenname ,Kulturstraße‘, ursprünglich ,Culturstraße‘, verweist außerdem auf eine weitere Art von Kultur. Hier befand sich eine Maulbeerbaum-Kultur der Familie Brentano. Diese Kaufleute aus Italien betrieben von 1793 bis 1874 die Lechhauser Seidenfabrik in der heutigen ,Brentanostraße‘. Die Blätter des Maulbeerbaumes dienten der Zucht von Schmetterlingslarven, welche die Seidensubstanz absondern. Bei der Eingemeindung der Stadt Lechhausen im Jahr 1913 überlebte die ,Kulturstraße‘.

Die 420 Meter lange Straße durfte ihren Namen behalten. Aber etliche andere Lechhauser Straßen wurden vom Augsburger Stadtrat umbenannt und mussten an die Befreiungskriege gegen die Franzosen von 1813 bis 1815 erinnern. So heißen die meisten Straßen um die ,Kulturstraße‘ bis heute nach Feldherren, Protagonisten und Schlachtorten der Befreiungskriege, wie die ,Schackstraße‘ (preußischer Generalmajor), die ,Waterloostraße‘ (Schlacht bei Waterloo) und die ,Fichtestraße‘ (Philosoph).“

In Pfersee gab es früher auch eine Kulturstraße

Als Gast der mobilen Redaktion in der Kulturstraße erzählt Matzke noch, dass die Lechhauser Kulturstraße einen Konkurrenten in Pfersee hatte, dort gab es auch eine Kulturstraße, die bei der Eingemeindung erst in Sedanstraße umbenannt wurde und seit 1947 Leonhard-Hausmann-Straße genannt wird. Der Kulturweg, den es auch auf Augsburger Grund gab, wich auf dem Hochfeld der Augsburger Messe.

Dass Straßen in Augsburg umbenannt werden mussten, lag auch daran, dass es mit neu eingemeindeten Ortsteilen Doppelungen gab. Identische Adressen sollten in der Stadt vermieden werden. Weil mit Straßennamen auch trefflich Politik gemacht wurde, vor 1933, während des Nationalsozialismus und danach, wechselte manche Straße bereits vier Mal den Namen. Die Kulturstraße wirkt da wie ein Hort der Beständigkeit.

Sie liegt in Lechhausen, ist nicht einmal eine Einkaufs-, sondern eine Wohnstraße. Und trotzdem: Es ist dem Namen nach die Kulturstraße in Augsburg. Die Buslinie 37 fährt durch die Straße mit heute 582 Bewohnern, aber ohne Haltestelle. Dafür gibt es seit 1994 die Straßenbahnhaltestelle „Kulturstraße“.

Kulturstraße - Folge 1

Erster Tag in der Kulturstraße: Die Schillerschule im Rücken, gegenüber steht Goethe als Steinfigur an einer Hausfassade. Draußen stehen auch die Mülltonnen, Dienstag ist Abfuhrtag.

Bis zum 8. September berichten wir jeden Dienstag aus der Augsburger Kulturstraße. Beim Auftakt blieben die Redakteure Michael Schreiner und Richard Mayr nicht lange allein.

TEXT/FOTOS/VIDEO: Richard Mayr und Michael Schreiner

Ein Tisch, ein Stapel Zeitungen, zwei Laptops und vier Klappstühle auf einem Rasenstück, das sonst vor allem von Hunden genutzt wird. Da sind wir also: in der Kulturstraße in Lechhausen. Die Schillerschule im Rücken, gegenüber steht Goethe als Steinfigur an einer Hausfassade. Draußen stehen auch die Mülltonnen, Dienstag ist Abfuhrtag. Was das bedeutet, davon wird uns später Salvatore erzählen, der Hausmeister der großen Wohnanlage in der Kulturstraße. „Schau, 130 Tonnen heute wieder reinstellen“, wird er sagen, „o mein Gott.“

Schon die erste Begegnung in unserer Feuilletonredaktion unter freiem Himmel dreht sich um die meistgestellte Frage des Tages: Warum heißt die Kulturstraße eigentlich Kulturstraße? Wir erzählen die Geschichte von den Maulbeerbäumen und der bis 1874 existierenden Seidenfabrik der Familie Brentano, von der Anbau-Kultur. Von dieser Kultur, der Agrarkultur, leitet sich der Name ab.

Oder, wie später die Ur-Lechhauserin Therese Riemensperger sagen wird: „Nix Theater, nix Konzert, keine Kunst – damit hat’s nicht zu tun.“ Brigitte Wiest, wohnhaft in der Kulturstraße, staunt. Vielleicht macht sie das mal zum Thema im „Philosophischen Café“, einer Augsburger Institution, der sie angehört.

Alle 14 Tage treffen sich dort bis zu 60 Leute im „Rossini“ in Göggingen, um von 19 bis 21.30 Uhr zu philosophieren. Abwechselnd werden Referate gehalten, erzählt Brigitte Wiest, über „Glaube, Literatur, Humor – alles Mögliche“. Man sei kein Verein, sondern ein freier Zusammenschluss Interessierter. Und jetzt, sagt die Dame mit dem Strohhut, gehe sie noch zu Frau Lehmann. Frau Lehmann ist die Gemüsefrau, vorne in dem alten Laden an der Ecke Schackstraße. Eine Institution in der Kulturstraße.

Der Zusammenhalt in der Kulturstraße ist groß

Begegnungen: Da ist Luisa, die an diesem Dienstag Geburtstag hat und mit einer Pappkrone auf dem Kopf über die Straße spaziert, mit zwei Zacken, die eine große „10“ formen. Da ist Maria Herz, die seit 91 Jahren hier lebt, in der Kulturstraße in Lechhausen. „Kulturstraße 14, das ist die Adresse meines Lebens“, sagt sie im Schatten der großen Birke, die vor der Schillerschule steht. Auch der Baum hat eine Nummer: die 25660.

Und da ist der Feldgeschworene Klaus Rachinger, der mit seiner Frau Irene seit Jahrzehnten in der 420 Meter langen Kulturstraße lebt und gerne erzählt, wie er vor drei Wochen, Mitte Juli, ein Nachbarschaftsfest drüben in ihrer Wohnanlage veranstaltet hat. „Da kam ein Bus mit einem russischen Chor direkt vom Flughafen München hierher.“ Beziehungen, und seine Frau Irene leitet ja auch den Frohsinnchor, ein Gesangsverein, den es schon über 100 Jahre gibt, also fast schon seit Maulbeerbaumzeiten. In der Kulturstraße haben sie noch nie gesungen – „aber da bringen Sie uns auf eine Idee“, meint Irene Rachinger.

Liegt es an dem Namen Kulturstraße, dass sich alle hier so gut verstehen? Kultur verpflichtet? Da könnte was dran sein, meint Therese Riemensperger, die ein abgegriffenes „Adress-Buch der Stadt Lechhausen“ von 1910 an unseren Tisch bringt. Natürlich ist da auch die Kulturstraße drin – und hinter jedem Namen eine Berufsbezeichnung. „Fabrikarbeiter“ steht da besonders oft. Lechhausen ist Arbeiterviertel gewesen. Da, wo heute die Schillerschule steht, war früher eine Gärtnerei. Wo heute die Kulturstraße ausgeschildert ist, war einst sogenanntes „Unland“. Das erzählt Wilfried Matzke, der Leiter des Geodatenamtes der Stadt Augsburg. Elf Minuten ist er rausgefahren mit der Linie 1 vom Rathausplatz bis zur Haltestelle Kulturstraße.

Seine Unterhaltung mit dem Feldgeschworenen Rachinger und Frau Riemensperger geht gerade unter im Lärm der Mülllaster, die ewig zu tun haben in der 1975 bis 1979 errichteten Süwobau-Wohnanlage vorne am Lech. 230 Wohnungen, wo einmal die Maulbeerbäume standen. Salvatore trinkt erst mal eine Cola bei uns. Später kommt das Mülltonnenreinigungsfahrzeug. Dienstag ist Großkampftag.

Feldgeschworener? „Sie schwören dem Feld, dass Sie ihm treu bleiben?“, fragt die Künstlerin Natalija Ribovic, die spontan vorbeigekommen ist. Aber nein: Feldgeschworene sind ehrenamtlich arbeitende Vertrauensleute, die im Auftrag von Vermessungsämtern Grenzziehungen und Grundstücksmessungen bezeugen. Sieben gibt es in Augsburg, und Klaus Rachinger ist ihr Obmann. Auch in der Kulturstraße hat er schon vermessen. Grenzsteine setzen sie heute nicht mehr. Dafür aber Grenzmarken, Grenznägel, Grenzbolzen, Grenzrohre.

In der Kulturstraße hören wir viele spannende Geschichten

Natalija Ribovic hat vor wenigen Wochen im Festsaal des Schaezlerpalais einen ihrer überdimensionalen aufblasbaren Hasen gezeigt. Sie war zufrieden mit dem Echo, auch wenn ihre Arbeit nur fünf Tage zu sehen war. Sie erzählt noch ein wenig, dann zückt sie ihr Notizheft und beginnt uns zu interviewen. „Warum seid ihr zu zweit hier? Sieht aus, als fangt ihr wieder bei Null an.“ So kann man es sehen.

Kulturstraße, Punkt Null: Es entsteht im Laufe eines Tages das Bild einer Straße und ihrer Menschen und ihrer Geschichte und Geschichten. Früher gab es drei Bäcker, heute nur noch den Bertele ums Eck in der Schackstraße. Manuela Bertele findet ja, dass das, was ihr Mann macht, Kunst ist: Mit so viel Hingabe backen, jede Nacht allein, sechs Tage die Woche. Man könnte aber auch sagen, sie macht Kunst, wenn man die Gemälde in der Bäckerei sieht. „Vor fünf Jahren habe ich angefangen mit dem Malen, nur arbeiten, das ist zu wenig …“

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Kulturstraße - Folge 2

Wir sind mit unserer mobilen Redaktion zurückgekehrt in den Schatten der Birke, wo an diesem Vormittag Christofer Kochs seinen Arbeitstisch aufbaut.

Zweiter Dienstag am mobilen Redaktionsschreibtisch in Lechhausen: Der Künstler Christofer Kochs verschenkt exklusive Grafiken, Schauspieler des Sensemble-Theaters verbringen ihre Mittagspause unter der Birke.


TEXT/FOTOS/VIDEO: Richard Mayr und Michael Schreiner

Kulturstraße, der zweite Dienstag - es ist immer noch Sommer und es fühlt sich inzwischen schon an wie eine Heimkehr. Goethe an der Hauswand gegenüber blickt vertraut herüber, Frau Riemensperger von nebenan ist wieder da, auch Herr Rachinger, der Feldgeschworene - und viele neue "Kultursträßler", wie sie sich hier nennen. Wir sind mit unserer mobilen Redaktion - Tisch und diesmal mehr Klappstühlen als bei der Premiere - zurückgekehrt in den Schatten der Birke, wo an diesem Vormittag Christofer Kochs seinen Arbeitstisch aufbaut. Der Künstler aus Augsburg mit Atelier in Lechhausen, mit seinen Werken international in Ausstellungen und Sammlungen präsent, hat einen Holzschnitt mitgebracht.

Christofer Kochs hat die Vergangenheit der Kulturstraße aufgegriffen. Er erinnert an die Maulbeerbaumkulturen, die für die Straße namensgebend waren. Ihre Blätter waren einst Futter für die Seidenspinner, welche einer nahen Textilfabrik die Seide "lieferten". Der Holzschnitt zeigt einen stilisierten Maulbeerbaum, einen Seidenspinnerschmetterling und eine fragmentarische Figur, einen Mann, "der sich Erinnernde". Ein Kunstwerk, inspiriert von und gemacht für und in der Kulturstraße. Der vielfach ausgezeichnete Künstler, geboren 1969, Absolvent der Akademie der Bildenden Künste München, hat vor 25 Jahren das Drucken bei Jan Prein gelernt. Er erklärt jeden Arbeitsschritt. Die Besucher auf der Straße können zusehen, wie "ihr" Blatt entsteht und trocknet, bevor der Künstler es signiert - und verschenkt.

Kochs steht in gelber Schürze in der Kulturstraße, die an diesem Tag zum Freiluftatelier wird. Im Laufe von zwei Stunden wird er viele Holzdrucke von seinem Motiv herstellen - Unikate allesamt, in Handarbeit hergestellt, auf schwerem Büttenpapier. Statt einer Walze benutzt der Künstler einen alten Holzlöffel, weshalb bald von der "Holzlöffelgrafik von Kochs" die Rede ist. Der Drucker ist umringt von Zuschauern und Interessierten. "Das ist ja wie beim Freiluftkochen", meint er und erzählt von seinen engen Beziehungen zur Textilindustrie. Schon als 16-Jähriger kletterte der junge Christofer Kochs über Zäune in die alten stillgelegten Textilfabriken und fotografierte in den leeren Hallen. In der AKS beim Textilmuseum hatte er mal sein Atelier - als die Färberei noch arbeitete. "Ich saß manchmal mit 80 Arbeitern in der Kantine", sagt Kochs.

In der Gruppe am Drucktisch diskutieren die Leute über Identität und Heimat. Hannelore Ollrom sagt, sie schreibe "gerne Briefe mit meiner Adresse: Kulturstraße." Karl Welz, der 30 Jahre als Industriedesigner von der Kulturstraße nach München gependelt ist, erzählt von dem "glücklichen Zufall", dass vor 37 Jahren ausgerechnet die Kulturstraße zu seiner neuen Adresse wurde. "Sie sind doch nur deshalb dorthin gezogen! Wie oft haben mich Leute schon damit aufgezogen", erzählt Welz. Derweil bringt Frau Riemensperger, die uns zur Premiere alte Adressbücher gezeigt hatte, ein Eis am Stiel für jeden vorbei und erzählt von ihrer ehrenamtlichen Arbeit als Lesepatin in der Schillerschule, vor der wir sitzen.

Von schräg gegenüber ist Erich Kleinhagauer herübergekommen an den Klapptisch unter der Birke. Er ist der Enkel des Baumeisters der Kulturstraße, wenn man so will. Sein Großvater Paul Wiedenmayr hat in den 1920er Jahren die Villa gegenüber gebaut, an deren Fassade lebensgroß Goethe und die Madonna mit dem Kinde stehen. "Alles hier, die Häuser da vorne, die da hinten, die alten Reihenhäuser und über 70 Wohnungen hat mein Großvater gebaut", berichtet Erich Kleinhagauer. Wiedenmayr hatte Gelände von der Gärtnerei Koch gekauft und in den 1920er Jahren sein Großprojekt Kulturstraße (die war damals noch ein unbefestigter Feldweg) verwirklicht. Der Baumeister starb 1950. Weshalb er sich Goethe ans Haus geholt hat, weiß der Enkel nicht. "Der Großvater war immer so ein Fantast", sagt er. Und dass die Figur wie die anderen Arbeiten an der Fassade das Werk eines befreundeten Stuckateurs sind, der später in die USA ausgewandert sei.

Auch wenn die großen Sommerferien längst begonnen haben - für Franz-Josef Dorsch, den Rektor der Schillerschule, gibt es noch genug an seiner Schillerschule zu tun. Die Grund- und Mittelschule grenzt direkt an die Kulturstraße. Und weil sie den großen deutschen Klassiker im Namen trägt, verleiht sie dem Straßennamen kulturelles Gewicht. Wobei Heidemarie Brosche, auch für den Deutschunterricht zuständig, sagt, dass Schiller nicht so oft an der Schule gelesen werde. "Aber nächstes Jahr versuche ich es wieder." Überhaupt misst Brosche dem Lesen als eine der grundlegenden Kulturtechniken eine überragende Bedeutung bei. Und das nicht nur, weil sie Lehrerin aus Überzeugung ist, sondern auch, weil sie selbst viele Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat. Sie hat Leseklubs an der Schule ins Leben gerufen, sucht Studenten, die dort die Schüler betreuen, sie begleitet gemeinsam mit ihrer Lehrerkollegin Stefanie Kunkel die Schülerzeitung Schillyschote und freut sich mit den Schülern, wenn sie - wie jüngst - eine Auszeichnung dafür bekommen.

An der Schillerschule spiegelt sich auch, wie sich die Bevölkerungsstruktur in den vergangenen Jahrzehnten geändert hat. Heute haben dort 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Rektor Dorsch schreibt an seiner Schule das Wort "Kultur" groß. Mal kommt das Populäre zum Zug, etwa bei einem Rap-Projekt, mal werden die Augsburger Philharmoniker eingeladen, oft legen die Schüler selbst Hand an, verschönern ihren Schulhof mit Kunstwerken, erarbeiten für hölzerne Häuserfassaden bunte Bemalungen. Oder sie kümmern sich um die Gartenkultur der Schule. Im Schulhof finden sich zwei größere Beete, gleich daneben steht ein Brunnen des Augsburger Künstlers Theo Bechteler.

Ein Großraumtaxi fährt vor. Es bringt Augsburgs neues, hochgeheimes Agententeam zum ersten Außeneinsatz - in der Kulturstraße. Mit dabei der vom Theater Augsburg bekannte Schauspieler Klaus Müller, den das Team als anfänglichen Berater engagiert hat. Und Müller sagt: "Das sind die Agenten ohne Grenzen. Sie retten jeden Abend einmal die Welt." Na wenn das mal keine Aussicht ist. Im richtigen Leben geben sich die Weltretter, die alle über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen, bescheidener. Da heißen sie Birgit Linner, Daniela Nering und Dörte Trauzeddel sowie Florian Fisch und Jörg Schur, sind alle als Schauspieler selbstständig und proben gerade, während der Sommer am heißesten ist, für die neue Spielzeit im Sensemble-Theater. Ihr Job: die neue Improvisationsstaffel "Undercover - Agenten ohne Grenzen" entwerfen. Ab Oktober werden sie zwei Mal im Monat drohende Katastrophe von der Welt abwenden. 90 Minuten lang und völlig ohne Drehbuch. Denn nicht einmal die Schauspieler wissen bei den Stegreif-Abenden, wohin die Reise geht.

Gerade sitzen sie in der Kulturstraße, Regisseur Klaus Müller öffnet einen kleinen Koffer. Er sagt, der Inhalt der Kiste wird den Agenten immer entscheidende Hinweise geben. Und schon beginnen die fünf Schauspieler in ihre Agentenrollen zu schlüpfen. Eine Sprühflasche, aber ohne Deckel, also ohne Dach. Das müssen entscheidende Hinweise sein … Doch dann biegt das Großraumtaxi wieder in die Kulturstraße ein und bringt das Agententeam zurück ins Theater.

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Kulturstraße - Folge 3

Unser mobiler Redaktionsschreibtisch unter der Birke wird an unserem dritten Dienstagsbesuch in der Kulturstraße zu einer Erinnerungsbörse.

Der Milchladen, der Rodelberg, der Friseur mit dem Glasauge: An unserem mobilen Schreibtisch erinnern sich die Lechhauser an ihre Kindheit - blicken aber auch in die Zukunft, in der es mehr Kulturangebote geben soll.

TEXT/FOTOS/VIDEO: Michael Schreiner und Richard Mayr

Immer wieder die Erinnerung an die eigene Kindheit, den Schulweg, den Milchladen und andere Geschäfte, die es längst nicht mehr gibt. Beim Rudler waren die Salzspitzle so gut! Kühe haben wir gehütet und Bohnen gepflückt, gleich da drüben. Erinnerungen an den Rodelberg auf Kochs Wiesle, an die vereiste Straße, an Kinderkarussel und Ballwurfbuden. Wie hieß noch mal der Metzger? Und ja, der alte Friseur, Paulatter, genau, der hatte doch ein Glasauge, und deshalb waren die Frisuren immer etwas ungleich , mein Vater hat sich da immer mit dem rumgestritten …

Unser mobiler Redaktionsschreibtisch unter der Birke wird an unserem dritten Dienstagsbesuch in der Kulturstraße zu einer Erinnerungsbörse. Bis aus Inningen und Bobingen kommen ehemalige Bewohner, um zu erzählen von früher, um heraufzubeschwören, wie das einmal war und aussah, wie es zuging in der Kulturstraße und im alten Lechhausen. Josef Maier zum Beispiel, Jahrgang 1939, ein "Lechhauser mit Leib und Seele", wie er sagt, erzählt von Kirchweihsonntagen und von Festen auf der Wiese, wo heute die Schillerschule steht. Und das Lokal "Morgenrot", das es ja auch längst nicht mehr gibt, das habe übrigens vorher "Neuschwanstein" geheißen. Und wo war die Hühnerschlachterei? "Ich kann’s Ihnen sagen!", ruft Josef Maier und redet und steigert sich in eine gewaltige Lechhauser Liebeserklärung hinein.

Die Lechhauser sind Lokalpatrioten. Sie vergewissern sich ihrer eigenen Biografien, sie wissen noch, wo man Bier im offenen Krug holte oder die Milch in der Kanne. Doch der Blick geht an diesem Tag in der Kulturstraße nicht nur zurück in die Vergangenheit, sondern auch nach vorne. Maria Marberger ist gekommen, eine engagierte Lechhauserin, Leiterin einer Kita in dem Stadtteil. Sie freut sich auf den Flößerpark gleich vorne am Lech, wo am Flussufer Terrassen und ein Lokal entstehen werden. "Wir hoffen sehr, dass dort dann auch Kultur geboten wird, Konzerte, aber auch Familiennachmittage", sagt Marberger.

Kultur sei enorm wichtig für den Stadtteil. Und am Lech, der für die Leute hier identitätsstiftend sei, ließen sich Natur und Kultur wunderbar verbinden. Maria Marberger ist seit zwei Jahrzehnten im Bürgerforum "Fachbasis" aktiv, einer Plattform für Lechhauser Aktivitäten.

Demnächst wird der "Grüne Kranz", wo vom Amateurtheater bis zum Faschingsball immer was geboten war, abgerissen. Beim Schlössle, im Herzen Lechhausens, wird aber ein Neubau entstehen, wieder mit Saal. "Ich könnte mir vorstellen, dass zum Beispiel das Theater dann regelmäßig dorthin geht. Das hätte Lechhausen verdient", sagt Maria Marberger.

Sie ist schon weg, als Klaus Schielke, der aus der Hammerschmiede herübergekommen ist, sich am mobilen Schreibtisch niederlässt und dies sagt: "Lechhausen ist ein kulturloser Stadtteil. Kultur ist hier schwer zu machen." Wie sich herausstellen wird, spielt hier auch persönliche Enttäuschung eine Rolle. Schielke spielt Mundharmonika. Als es vor Jahren einmal Kulturtage in Lechhausen gab, da sei die Resonanz doch sehr bescheiden gewesen. "Null Echo, sehr schade", sagt der 78-Jährige. Sein Vorschlag: Irgendwo eine offene Bühne installieren und neue Kulturtage versuchen, mit langem Atem.

Langer Atem: Den hat auf jeden Fall Frau Lehmann mit ihrem Gemüseladen. Seit 34 Jahren ist sie an der Ecke Kulturstraße/Schackstraße. Vier Stufen geht es hinauf zu ihrem Geschäft, das längst eine Institution ist. Überall handgeschriebene Zettel, auf denen "Eigenbau" und "ungespritzt" steht. Frau Lehmann kommt jeden Tag aus Handzell bei Pöttmes in die Kulturstraße. Das Gemüse bauen sie und ihr Mann auf einem gepachteten Grund in Affing an.

Zum Reden haben wir nicht sehr viel Zeit - es kommen stetig Kunden. Die meisten werden mit Namen begrüßt, und Frau Lehmann erkundigt sich nach den Tomaten im Garten und rät zu einer anderen Apfelsorte. "Einfacher ist es nicht geworden mit dem Geschäft", sagt sie, "aber ich hab’ Gott sei Dank meine Stammkunden." Die Einkaufskultur, die hier bis heute gepflegt wird - sie ist noch so, wie es ansonsten nur in den Kindheitserinnerungen der Kultursträßler vorkommt.

Zum Beispiel die von Gertrud Nüsseler. Sie ist die Tochter des Gärtners Georg Koch, die Enkelin von Friedrich Koch und sie zeigt allen Bilder aus der Vergangenheit, als die Kulturstraße in das Reich der Gärtnerei Koch hinüberführte. An das Gautrachtenfest kann sie sich noch erinnern, das auf Kochs Wiesle stattfand, an das Bierzelt dort. Und als Kind hat sie auch erfahren, wie mancher "Augsburger" über die Lechhauser gedacht haben mag. Sie war Schülerin der Maria-Theresia-Mittelschule. Und der Klasslehrer fragte in die Runde: "Wer kommt aus Lechhausen." Gertrud Nüsseler und eine weitere Schülerin mussten aufstehen. Und der Lehrer fällte sein Urteil: "Schämt euch. Setzen."

Manchmal liegen die Ereignisse, an die sich an unserem mobilen Schreibtisch erinnert wird, aber nicht ganz so lang zurück. Reinald Cronauer zum Beispiel, der nicht weit entfernt von der Kulturstraße wohnt, bemerkte eines Tages ein Graffito an der Lechbrücke, das ihm gut gefiel. "Ich war überrascht, es war so schön." Luisa hatte es Cronauer angetan. Ein junges Mädchen, eine junge Frau, in schwarz-weiß abgebildet auf dem Betonbogen der neuen Lechbrücke. "Luisa" nennt Cronauer das Bild, weil der Name im Graffito immer wieder auftaucht - als grafisches Element, als Verzierung des Rocksaums, der Bluse. Sie tanzt, Luisa, und durchbricht das Grau des Betons. Vor fünf Jahren hat Cronauer das Bild entdeckt. Und seitdem fragt er sich, wer der Künstler oder die Künstlerin gewesen war. Ein kleiner Eingriff in den Raum - aber mit Langzeitfolgen. Inzwischen verblasst das Bild und ist "längst nicht mehr so schön".

Was Josef Maier und auch dem Industriedesigner Karl Welz so gut am Stadtteil gefällt: die Wohnkultur. Auch wenn sich durch die Migration die Bevölkerungsstruktur geändert hat, zum Nachteil war diese Entwicklung nicht. "Erst waren es ein paar Portugiesen, dann Spanier. Später Italiener und Jugoslawen. Nach dem Prager Frühling kamen die Tschechen. Und danach viele, viele Türken", sagt das Lechhauser Urgestein Josef Maier. Und die Altbauten, in denen die deutschen Familien nicht mehr leben wollten, die wurden von den neuen Mitbürgern, vor allem auch den türkischen, liebevoll und mit Fleiß wieder hergerichtet, findet Maier, findet aber auch Welz. "Das ist ein Miteinander, das ist Wohnkultur", sagt Welz, "das finde ich toll, die schätzen auch das Viertel hier, das merkt man."

Und dann beginnt für alle Anwesenden (Frau Riemensperger ist übrigens auch wieder da) eine besondere Zeitreise zurück in die märchenhafte Kindheit. Die Schauspielerin Kerstin Becke ist gekommen. Seit drei Jahren gehört sie zu den Darstellern, die immer wieder im Sensemble Theater arbeiten. Unter der Birke trägt sie eine kurze italienische Geschichte und ein langes russisches Märchen vor, das sie als Kind von der Märchenerzählerin Gertrud Hempel gehört hat. "Das hat mich damals so berührt", sagt sie, "die Kassetten habe ich heute noch." Und nun erzählt sie die Märchen selbst voller Inbrunst. So ist das mit der Erinnerung, sie wird lebendig gehalten, sie hält lebendig. Applaus für die Erzählerin, deren Stimme man fast bis zu Frau Lehmann hören kann.

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Kulturstraße Folge 4

Wir waren das vierte Mal vor Ort. Unser erster Gast war der türkische Lyriker Serkan Erol. Es kommt zu einem überraschenden Vortrag.

An unserem Tisch in der Kulturstraße bittet ein junger Lyriker einen alten Bäckermeister, mit ihm ein türkisches Gedicht vorzutragen

TEXT/FOTOS/VIDEO: Michael Schreiner und Richard Mayr

Die Leute bringen ihre Schätze in Plastiktüten und Jutetaschen, die am Fahrradlenker hängen, in Bastkörben, Rucksäcken und eingewickelt in Wolldecken. So umlagert wie an diesem frühen Dienstagnachmittag war unser mobiler Schreibtisch in der Kulturstraße noch nicht. Die Stühle reichen nicht aus.
Mittendrin in der Menschentraube sitzt der Augsburger Auktionator Georg Rehm, Kunst- und Antiquitätenexperte. Unser Gast hat viel zu tun. Am Straßenrand, unter der Birke vor der Schillerschule, begutachtet er Gemälde und Holzfiguren, Rahmen und Spielzeug, alte Bücher, Briefmarkenalben und Stiche, einen Geigenkasten, eine Taschenuhr, Bierkrüge und, und, und. Es ist ein kleines kulturhistorisches Kolloquium in der Kulturstraße. Unter freiem Himmel können alle sehen, was andere bewahren, weil Familiengeschichte, persönliche Erinnerungen und ihr Herz daran hängen.
Am Vormittag geht es intimer zu. Poetischer. Da sitzt an unserem Schreibtisch auf der noch regennassen Wiese Serkan Erol und rezitiert Goethe, Paul Celan, Rilke und andere Dichter, auch türkische wie Orhan Veli Kanik. Auf dem Rücken seines schwarzen Shirts steht in weißen Lettern: „Staune vor Poesie“. Wir staunen. Serkan, geboren 1985 in Bobingen als Sohn türkischer Eltern, ist einer, der an die Wunderkraft der Poesie glaubt.
Mit Gedichten, mit der Lyrik hat der angehende Lehrer, der einst eine Lehre zum Sportartikelfachverkäufer absolvierte, sein Lebensthema gefunden. Serkan verbreitet nicht nur als ein Botschafter der Poesie die Faszination für die Lyrik. Er dichtet auch selbst, weil er sagt: „Wer zuviel Poesie aufsaugt, muss sie auch abgeben. Es ist wie Honig sammeln.“ Zusammen mit seinem Freund Burhan Kaçar, der gerade in der Türkei ist und dort Steine mit eigenen Gedichten beschreibt und am Strand für glückliche Finder auslegt, arbeitet Serkan Erol an Projekten, die Lyrik auch didaktisch einsetzt. Die beiden nennen sich „O-Poesie“ und engagieren sich in Schulen, wo sie spielerisch mit Kindern Gedichte tanzen und Sprachlust entfachen. Ihr Ziel: Schüler wachsen durch die Poesie zu Weltbürgern heran.
Serkan erzählt davon, wie Poesie Zugang zu fremden Kulturen und Menschen ermöglicht. „In Sibirien, als ich ein Gedicht von Puschkin aufsagte, waren die Leute hin und weg.“ In der Kulturstraße liest Serkan ein Gedicht von Orhan Veli, der als „Straßendichter die Lyrik in der Türkei vom Sockel geholt hat“. Spontan bittet er den Bäckermeister im Ruhestand Michael Stadtmüller, mit ihm gemeinsam vorzutragen. Stadtmüller sagt immer nur das eine türkische Wort, das so oft vorkommt in dem Gedicht: „bedava“ – es bedeutet kostenlos.
Es ging um Sprachschätze. In der Schillerschule hinter uns hat Serkan Erol mit seinem Freund Burhan Kinder für den Zauber und die Musik der Sprache begeistert. „Die Würde der Muttersprache anzunehmen, ist ganz wichtig“, sagt der angehende Lehrer und zitiert den Dichter Friedrich Rückert: „Weltpoesie allein ist Weltversöhnung.“ Serkan spricht sechs Sprachen. Wenn er ein türkisches Gedicht seines Freundes Burhan vorliest, merkt man seine Lust an jedem Laut. Serkan übersetzt es für Therese Riemensperger, die auch am vierten Dienstag bei uns vorbeischaut. „Poesie: Schritte einer Spinne/ das Lied an der Wand/ das murmelnde Pfeifen der Maler.“ Schön, findet auch Frau Riemensperger, macht aber eine Einschränkung: „Wenn man eine Spinnenphobie hat, ist es aus mit der Poesie.“

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Kulturstraße Folge 5

Georg Rehm beurteilt Gegenstände, die unsere Besucher in die Kulturstraße gebracht haben.

Alte Bilder, Uhren, Figuren: An unserem Schreibtisch am Straßenrand beurteilt Auktionator Georg Rehm private Schätze.

TEXT/FOTOS/VIDEOS: Michael Schreiner und Richard Mayr

Mit einer Schatzkiste voller Liebe kommt Georg Rehm an den mobilen Schreibtisch. Er hat es als ein Beispiel für die vielen verschiedenen Arten von Objekten mitgebracht, die sein Auktionshaus versteigert. Es ist ein Holzminiaturschrank aus den 1820er Jahren. In den Schubladen liegen Liebesbriefe aus dem vorigen Jahrhundert, mit akkurater Handschrift, aber in kleinsten Buchstaben geschrieben. Die größten Worte wirken auch auf engstem Raum. Schnell ist der Schreibtisch von Interessierten umringt. In den vorigen Wochen waren es Erinnerungen an das alte Lechhausen, an die Kulturstraße, die unsere Gespräche bestimmt haben. Nun sind es Dinge, die einen festen Platz im Leben der Menschen haben, alte Dinge, deren Herkunft, deren Qualität, deren Wert bislang nie geklärt worden ist. Warum auch, wenn sie zum Zuhause gehören.

Zum Beispiel das winzige Münchner Kindl, ein Stehaufmännchen, vermutlich ein Werbegeschenk des Hofbräuhauses: „Es soll wie Elfenbein ausschauen, aber es ist vermutlich Plastik“, sagt Rehm. Und deshalb kein Schatz, sondern ein Schätzlein. Oder dieses Bild, diese Landschaft: „Vermutlich eine Kopie, sicher 20. Jahrhundert. Der Rahmen ist älter, den sollten Sie auf jeden Fall aufheben. Sie können auch das Bild herausnehmen und einen Spiegel einsetzen“, sagt Rehm. Offen und ehrlich geht er vor, aber immer im Wissen, dass die Objekte für die Menschen von persönlicher Bedeutung sind.

In den hinteren Reihen wird geflüstert. „Zu Hause, die Enkel, die interessieren sich ja nicht mehr dafür, die werden das alles gar nicht wollen.“ Wohin also damit? Mit der Vergangenheit, mit den eigenen Erbstücken? Man darf sich glücklich schätzen, wenn die Nachkommen sie weiter in Ehren halten.

Einem Mann, der seine selbst angefertigten Tiffany-Glasbilder mitgebracht hat, rät Rehm, ein Auktionshaus in Heilbronn nach dem Wert zu befragen, die seien auf Glas spezialisiert. Und ein Mann, der ein riesiges Ölbild auf Holz von Hermann Maillinger dabei hat, muss sich einen Augenblick gedulden. Rehm nutzt seinen Telefonjoker, er ruft im Auktionshaus an, fragt dort nach, was für Maillinger zuletzt geboten wurde. „So 400 bis 600 Euro können Sie erwarten“, sagt der Auktionator. Eine Frau erzählt von einem Rosenbild zu Hause. „Nicht schlecht. Rosen verkaufen sich gut. Viel besser als Nelkenbilder“, erklärt Rehm.

Lechhauser Geschichte kommt auf den Tisch: ein Maßkrug aus Ton mit graviertem Deckel und eine Glucker-Flasche der Weizenbierbrauerei Lechhausen. Alle lachen. „Früher hat man für die Tonkrüge noch ordentlich gezahlt, heute sind sie nicht mehr so viel wert“, sagt Rehm. Der Mann, der Krug und Flasche mitgebracht hat, muss gleich wieder zurück in sein Geschäft. „Wer war denn das?“, wollen wir von den alten Kultursträßlern wissen. „Das war Herr Hille, der Fernsehmann.“ So schaut er also aus. Klaus Hille – wir wollen ihn die ganze Zeit schon einmal besuchen, kommen aber nie weg von unserem Schreibtisch. Und Klaus Rachinger, der eine alte Taschenuhr dabei hat, beglückwünscht Rehm: „Sehr schön, die Stelle für die Intarsien ist frei. Das steigert sie im Wert.“

Die Müllabfuhr manövriert sich ein ums andere Mal durch die schmale Kulturstraße. Großkampftag mit drei verschiedenen Tonnen. Aber fast niemand bemerkt es am Schreibtisch. Alle hängen an Rehms Lippen. Es geht um Schätze, um Geschichten.

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Kulturstraße Folge 6

Buchhändler, gebürtige Lechhauser und Literaturliebhaber Kurt Idrizovic erzählt über Bert Brecht.

Der Buchhändler Kurt Idrizovic erzählt an unserem mobilen Schreibtisch, wie wichtig der Lech für den jungen Dichter Bert Brecht war.

TEXT/FOTOS/VIDEO: Michael Schreiner und Richard Mayr

Zwei Teenies gehen vorbei, schauen rüber und tun, was junge Mädchen so tun: Sie lachen und können gar nicht mehr aufhören zu lachen. Es dämmert in der Kulturstraße, der Himmel ist wolkenlos, Windstille. In einem offenen Fenster ein Mann, der raucht, aus der Ferne das Scheppern von leeren Flaschen im Glascontainer. An einem solchen Abend wäre der junge Brecht vielleicht drüben am Lech gesessen mit einem Mädchen oder seinen Kumpanen im „Haselgestrüpp des Lechrains“.

Davon erzählt gerade der Brecht-Freund, Buchhändler, gebürtige Lechhauser und Literaturliebhaber Kurt Idrizovic an unserem mobilen Schreibtisch in der Kulturstraße. Es gibt Wein aus Plastikbechern. Viele Besucher sitzen auf Stühlen, die Nachbarn schnell herbeigeschafft haben, weil unser Mobiliar für den Andrang wieder einmal nicht ausreicht. Vorbeiradelnde grüßen und sind leicht irritiert. So viele Leute, die sich am Straßenrand niedergelassen haben, an einem Dienstagabend – das gab’s so noch nicht in der Kulturstraße, sagen auch Leute, die schon 35 Jahre hier wohnen.

Bert Brecht und Lechhausen: Davon erzählt Idrizovic, der seine halbe Brecht-Bibliothek mitgebracht hat, in der Kulturstraße. Überall Markierungen und bunte Einmerker. Wie wichtig der Lech und seine Landschaft für den jungen Dichter war, der sich zwischen Wolfzahnau, Griesle und Birkenau herumtrieb, das belegt der Buchhändler mit Zitaten aus Brechts Werk, aber auch aus Briefen seiner Freunde und Erinnerungen des Bruders Walter.

Mit Leidenschaft und ohne falsche Ehrfurcht vor dem großen Dichter entwirft Kurt Idrizovic das Augsburg Brechts. „Na, wo hat er’s her? Da, vom Lech“, ruft der Literaturerzähler in die Runde und deutet Richtung Fluss. Aus Brechts Tagebuch zitiert er, wie der junge Dichter festhielt, wie viele Stunden er wieder am Lech gesessen und gearbeitet habe. Und gleichsam aus dem vorbeifließenden Lech stieg die Inspiration auf   …

„Im bleichen Sommer, wenn die Winde oben/ Nur in dem Laub der großen Bäume sausen/ Muss man in Flüssen liegen oder Teichen“, zitiert Idrizovic aus einem Gedicht. „Ist das schön“, ruft eine Frau aus und hält sich beide Hände kurz vor das Gesicht. Ach ja, und es wird noch schöner. Brecht und die Mädchen und das Gestrüpp am Lech …

Von des jungen Bert Brechts Job als „Bootschupfer“ auf der Kahnfahrt („das ist kein Ausbildungsberuf!“) erzählt der Buchhändler so beseelt, als wäre er damals dabei gewesen. Draußen wird es langsam dunkel. Von irgendwoher aus der Tiefe der Kulturstraße kommt ein Mann, der sich als Spanier vorstellt. Er müsse auch gleich wieder zurück nach Spanien, sagt er in eher osteuropäisch gefärbtem Englisch – aber für einen Becher Rotwein reiche seine Zeit  …
Der Abend unter der Birke, die nun keinen Schatten mehr wirft, klingt aus wie ein Nachbarschaftstreffen. Stimmengewirr. Leute, die seit Jahren hier wohnen, sich aber nicht kannten, lernen sich kennen. Brecht hat das Schlusswort in der Kulturstraße. Der Schluss seines Gedichts „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“ passt gut zu diesem Abend: „Am besten ist’s, man hält’s bis Abend aus/ Weil dann der bleiche Haifischhimmel kommt/ Bös und gefräßig über Fluß und Sträuchern/ Und alle Dinge sind, wie’s ihnen frommt.“ In der Kulturstraße auf jeden Fall.

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Kulturstraße Folge 7

Musik liegt an diesem Dienstag in der Luft. Ein Wahl-Lechhauser rappt an unserem Schreibtisch, Mundharmonika wird gespielt und der Auftritt von Wilhelm F. Walz und Peter Bader entwickelt einen eigenen Zauber.

TEXT/FOTOS/VIDEO: Matthias Zimmermann und Richard Mayr

Schon wieder reichen die Stühle nicht, schon wieder muss Therese Riemensperger mit ihrem Balkonmobiliar aushelfen. Es sind trotzdem zu wenige. Das Straßenkonzert von Wilhelm F. Walz und Peter Bader hat sich zum Publikumsmagneten in der Kulturstraße entwickelt - am Dienstagnachmittag kurz bevor der Sommer sich zwar nicht mit Pauken und Trompeten, aber mit Wind und Regen verabschiedet. Gespielt werden Kreisler-Lieder, etwas aus Bizets Carmen, eine Arvo- Pärt-/Jules-Massenet-Collage, das hat Süße, das hat Schärfe.

Musik liegt in der Luft an diesem Kulturstraßentag, der an unserem mobilen Schreibtisch unter der Birke mit Straßenplänen beginnt: historische Karten, die der Kultursträßler Wolfgang Huber mitgebracht hat. Sie zeigen Augsburg und Lechhausen 1839 und 1936. "Schauen Sie, wie wenig sich in dieser Zeit in Lechhausen verändert hat", sagt Huber. Die große Bautätigkeit beginne erst danach. Von der Kulturstraße ist auf dem Plan von 1839 nichts zu sehen. Auf dem 1936er-Plan suchen wir nach dem Theater. "Die Komödie gab es damals noch nicht", sagt Huber. Die wurde erst nach dem Krieg benötigt. Aber der Ludwigsbau steht zu der Zeit noch, in dem er, der Ingenieur von MAN-Roland, die Philharmoniker früher gehört hat.

Eine Katze inspiziert unseren Schreibtisch, die Müllabfuhr ist in der Ferne zu hören - Braune Tonnen an diesem Dienstag. Ein Mann kommt vorbei und übergibt einen Brief, den uns seine Mutter Anni Strobl, 89, vom früheren Milchfachgeschäft in der Kulturstraße geschrieben hat. Wieder ist in den Worten zu spüren, dass diese verhältnismäßig junge Straße so viel Geschichte und so viele Geschichten beherbergt. Anni Strobl erinnert an die Bäckerei in Nr. 5., die Gastwirtschaft in Nr. 7, dort ist heute ein Friseursalon, ihr fällt das Baugeschäft in Nr. 8 wieder ein, der Friseur Paulata, der mit dem Glasauge, in Nr. 10. Bei dem Anwesen Wiedemeier denkt Anni Strobl an den jüdischen Arzt Dr. Nebel: "In der Villa im Parterre, ausgewandert nach Brasilien". Nostalgische Erinnerungen, eine tragische Geschichte, alles eingeschrieben in die Kulturstraße.

Eine ältere Frau mit Stock wünscht allen am Tisch vom Gehweg aus einen schönen Tag. Nein, um sich hinzusetzen, dafür habe sie keine Zeit. Sie müsse zum Einkaufen, bis vor zum Schlössle. "Ich fordere mich, ich will ja noch nicht ins Altenheim", sagt die 85-Jährige. "Aber die Nahversorgung hier, die ist nicht mehr gut." Einen schönen Tag noch.

Am Tisch fordert man sich auch. Es geht ums Theater. Sigrid Jäger ist gekommen. Wir sprechen darüber, wie sanierungsbedürftig das Augsburger Stadttheater ist. Jäger findet, Öffnung und offene Projekte seien ja wichtig, "aber richtige klassische Stücke in neuen Interpretationen und mit Anspruch sind es auch". Das bleibt spannend.

Zeit, einmal kurz durchzuschnaufen. Goethe gegenüber steht prächtig in der Sonne. Die Bäume am Straßenrand spenden Schatten. "Sie haben es schön", sagt jemand im Vorübergehen, und schon geht es weiter. "Der laute Gast" ist da. Wobei Gast ist der Rapper Stefan Beckenbauer in Lechhausen längst nicht mehr. Vor zwei Jahren ist er von Würzburg nach Lechhausen gezogen, gleich um die Ecke der Kulturstraße. Schon viel länger aber rappt er, eben unter dem Pseudonym "Der laute Gast". Also bitte, kleine Kostprobe an diesem musikalischen Kulturstraßen-Dienstag: "Ich rücke euch jetzt hier beileibe / und ich hoffe ich bekomme jetzt auch / Farbfoto auf der Titelseite / das wär’ ganz schön." Dankeschön. Es könnte jetzt gerne noch weitergehen. Aber der laute Gast ist nicht allein. Seine Begleitung ist 20 Monate, trägt fast die gleiche Kappe wie der Papa, steht auch auf Rap - hat aber leider Hunger und ist müde. Gerade reicht es noch für einen Hinweis auf Beckenbauers Schulprojekte: "Rap in der Schule, das ist bulletproof, funktioniert mit jeder Klasse". Abgang "Der laute Gast", Auftritt Angelika Probst.

Sie ist heute in ihrer Mittagspause extra aus der Jakobervorstadt hergekommen. Ihre Eltern haben einst in der Lechhauser Schackstraße ein Schuhgeschäft eröffnet. Schuh Berner. Später sind sie in die Jakobervorstadt, aber die Leute aus Lechhausen, mit denen sie in den 60er und 70er Jahren groß geworden ist, die hat sie nie ganz aus den Augen verloren. "Im Haus meiner Eltern gibt es bis heute eine Partykeller-Wand, die von Edgar Mathe tapeziert wurde", erzählt sie und lacht.

Vorhin hat sie das Haus gesucht, in dem ihre Eltern einst das Schuhgeschäft eröffnet haben, aber nicht mehr gefunden. Jetzt fragt sie uns, ob wir nicht zufällig alte Aufnahmen der Straße dabeihaben. "Wir hatten auch viele Kunden aus der Firnhaberau und der Hammerschmiede. Da haben sich nach dem Krieg viele Flüchtlinge angesiedelt. Der eine war Maurer, der andere konnte Fliesen legen, mein Vater war Schuster. So hat sich jeder untereinander geholfen und daher kamen auch Jahrzehnte später noch viele Kunden von uns aus diesen Stadtteilen." Wir können ihr leider nicht weiterhelfen, aber vielleicht kommt beim nächsten Mal noch ein Hinweis aus der Kulturstraße …

Klaus Schielke ist wieder da. Ein Konzert mit so hochkarätigen Musikern lässt er sich natürlich nicht entgehen. Er ist schließlich auch Musiker durch und durch. Hat als Chorsänger schon das Weihnachtskonzert vor dem belgischen Königshaus in Brüssel mitgesungen. Lang ist’s her. Jedenfalls, bevor das Konzert mit Walz und Bader beginnt, will Schielke die Kulturstraße noch mit etwas Blasmusik erfreuen. So kündigt er es an - und als alle Augen ihn fragend anblicken, zieht er aus seiner kleinen Ledertasche ein Etui mit einer Mundharmonika. Bob Dylan steht auf dem Instrument. Erdig-melancholisch klingt es, wenn Schielke darauf spielt. Die letzte Note verklingt. Applaus, Applaus!

Es wird jetzt richtig voll unter der Birke. Jemand erinnert sich an den Teufelsgeiger von Lechhausen, Herrn Krz. "Konnte der spielen". Derweil suchen sich Peter Bader, der Organist der Ulrichsbasilika, und Wilhelm F. Walz, der 37 Jahre erster Konzertmeister der Augsburger Philharmoniker war, den besten Platz im Grün heraus. "Haben Sie schon einmal im Wald gespielt?", will jemand aus dem Publikum wissen. "Ja, habe ich und das auch noch nackt", sagt Walz. "Auf Korsika in einem FKK-Klub mit nicht mehr als einer Geige bekleidet." Alle lachen. Es geht zwanglos zu bei diesem Straßenkonzert. Kein Gong, keine Kleiderordnung und den Diesel als dritte Stimme kennt man sonst auch nicht von klassischen Konzerten. Wer in der Kulturstraße auftritt, ist vor den Widrigkeiten des Lebens nicht gefeit, nicht vor der Wespe, die die 280 Jahre alte Violine umkreist, nicht vor dem aufkommenden Wind, der die Noten forttragen will. Und dem Hund auf der anderen Straßenseite muss man zugutehalten, dass er im Takt zu bellen versucht.

Rund 40 Menschen hören zu. "Liebesleid", "Liebesfreud" und "Schön Rosmarin", die Alt-Wiener Tanzweisen von Fritz Kreisler, an der Oberfläche fröhlich, aber der Abgrund darunter kann jederzeit aufklaffen. Mittlerweile fahren auch die Autos langsamer vorbei. Die Straße richtet sich nach dem Takt der Musik aus. Applaus! Und dann mischt sich das Wetter ein und macht deutlich, dass das kein Konzertsaal ist, sondern die Kulturstraße an einem Dienstagnachmittag.

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Kulturstraße Folge 8

Die Leute stehen dicht an dicht. Gustl Mair singt von "d’ Lechbrück" und Professor Hans Frei doziert über den Unterschied von "Mädle" und "Madel". Wir sind kurz vor dem Abschied.

TEXT/FOTOS/VIDEO: Michael Schreiner und Richard Mayr

Autos kommen kaum mehr durch, so dicht stehen die Leute an und auf der Kulturstraße. Gustl Mair singt "Oh bischt du schee mei Augschburg" und in einer anderen Ballade schmachtet er von "Lechhausen, du Perle am Lech". Die ersten Herbstblätter fallen auf unseren mobilen Schreibtisch. Klaus Schielke steht plötzlich da und spielt spontan den "Kulturstraßen-Blues" auf seiner Mundharmonika und noch was von Mozart hinterher. Professor Hans Frei hält eine Art Freiluftseminar zum Dialekt und zum Lech als Sprachgrenze. Architekt Roman Adrianowytsch entwirft auf zwei Blättern eine noch grünere, zum Verweilen einladende Kulturstraße - und das bei Sonnenschein. Das Wetterglück hält auch am sechsten Dienstag in Folge. Nachbarn bringen noch mehr alte Fotografien und frisch gebackenen Zwetschgendatschi mit Sahne dazu … Was für ein Finale!

Bis zu 50 Besucher umringen unseren weißen Schreibtisch, den wir am Vormittag zum letzten Mal auf dem vertrauten Rasenstück unter der Birke vor der Schillerschule aufgebaut haben. Der 1949 im Gögginger Wöchnerinnenheim geborene Gustl Mair sitzt mit seiner blauen Gitarre auf einem Stuhl und preist den schwäbischen Dialekt. Den singt er mit Gefühl: "Niber über d’ Lechbrück, nach Lechhausen zu". Mair, der als junger Mensch über Rudolf Schock zu Elvis Presley fand, wird von den Zuhörern gefeiert - und es gibt den einen oder anderen Refrain, den man so laut und vielstimmig in der Kulturstraße wohl nicht mehr hören wird. "Oh bischt du schee mei Augschburg, schon seit 2000 Johr bischt du aufm Globus drauf …" Dass in diesem Augsburg heute 41,4 Prozent der Bürger einen Migarationshintergrund haben - auch davon erzählt Mair in seinen launigen Moderationen. Wie heißt es in einem seiner Songs: "I glob, es gibt koine Fisch im Hettabach, dafür gibt’s an Haufen netter Leit im Hettabach …" Nach dem Auftritt hilft Mair übrigens wieder in einer Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge in Gersthofen.

Der Übergang zum Dialektkenner und Heimatforscher Professor Hans Frei ist fließend. Der ehemalige Bezirksheimatpfleger setzt sich gar nicht erst hin, sondern bleibt stehen und hält unter freiem Himmel eine Art Vorlesung zur Vielfalt des Dialekts - ein freundlicher Wanderprediger, dem die Leute gebannt zuhören. Frei, der anfangs gut gelaunt gesteht, dass er nie zuvor in der Kulturstraße war, spricht von der Bedeutung des Dialekts für die Heimatverbundenheit und jongliert über den Lech als Sprachgrenze hinweg mit Wörtern und ihrer unterschiedlichen Aussprache. Hoim und hoam, Heisle und Haus, Mädle und Madel.

Das Herz des Professors gehört eindeutig den Schwaben, bei allem Respekt vor den Altbayern. Hans Frei, der am Ende seine Jacke ablegt, weil er sich richtig warm geredet hat, entdeckt den Schauspieler und berufenen schwäbischen Rezitator Hermann Wächter in der Menge. Wächter lässt sich nicht lange bitten und trägt ein schwäbisches Gedicht vor, in dem es kurz gesagt um einen schlitzohrigen Lehrbub geht, der seinem Meister erklärt, warum er frei haben muss, weil wieder mal die Oma gestorben ist. Die Stimmung in der Kulturstraße bleibt heiter.

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Kulturstraße Folge 9

Die Kulturstraße hat zwei Gesichter, sagt der Architekt Roman Adrianowytsch. Er macht einen Vorschlag um die Lebensqualität zu verbessern. Und dann ist es Zeit für den Kulturstraßen-Blues.

TEXT/FOTOS/VIDEO: Michael Schreiner und Richard Mayr

Zum Zurücklehnen bleibt kaum Zeit, schon gar nicht zum Kuchenessen. Es geht Schlag auf Schlag. Der Augsburger Architekt Roman Adrianowytsch nimmt unsere Gäste mit auf einen Spaziergang. Die Kulturstraße einmal hoch und einmal runter. "Das ist eine Straße mit zwei Gesichtern", sagt der Architekt. In Richtung Blücherstraße eng, auf das Auto und den Verkehr fixiert, ohne Möglichkeiten zum Verweilen. "Nicht ohne Grund haben Sie Ihren Schreibtisch zwischen der Schillerschule und der Architekten-Villa aufgebaut." Das ist auf der anderen Seite der Schackstraße, der Straße, die die Kulturstraße halbiert, teilt. Richtung Lech weitet sich alles. Die Häuser stehen nicht mehr so eng. Der Straßenverkehr hört sich dadurch leiser an. "Und diese Siedlung hier, eine große Wohnanlage, die stimmt in ihren Proportionen", findet Adrianowytsch. In den späten 1970er Jahren gebaut, aber durchdacht. Was man eben auch an den Freiflächen sehen könne. Diese grüne Wiese zum Beispiel zwischen zwei Baukörpern. Das schaffe Aufenthaltsqualität. "Früher war das mal ein Spielplatz", sagt Max Paschke, der in der Anlage wohnt. Aber jetzt sind die Kinder schon lange ausgezogen, sind die Eigentümer in die Jahre gekommen, diente der Sandkasten nur noch als Katzenklo. Deshalb das Grün jetzt. "Sehen sie", sagt Adrianowytsch, "ein gut geplantes Haus muss sich mit den Bedürfnissen der Menschen auch ändern können. Das klappt hier."

Die Müllabfuhr - heute nur die schwarzen Tonnen - rangiert sich fast schon diskret durch die Straße. Zurück am Schreibtisch beginnt Adrianowytsch zu zeichnen. Erst der Ist-Zustand der Kulturstraße, ihre zwei Gesichter, dann ein Vorschlag, um dem einen Teil den Charakter eines reinen Durchgangswegs zu nehmen. "Die Trennung von Gehsteig und Fahrbahn aufheben, grüne Bäume als Inseln einstreuen, den Verkehr dadurch verlangsamen." Adrianowytsch schraffiert, setzt grüne Punkte und erklärt, was er macht. "Am Abschluss der Straße vielleicht einen Schrebergarten opfern, um einen direkten Zugang zum Lech zu schaffen. Gibt es Einsprüche?", fragt der Architekt. Eine Frau schnauft, aber nein, es ist nicht ihr Schrebergarten, über den verhandelt wird. Der liegt ein paar Parzellen weiter. Keine Einwände also. So spannend kann Architektur sein. Die Gäste führen eine engagierte Diskussion über Lebensqualität, urbane Bausünden, Mitsprache von Anwohnern. Einhellig ist man dafür, Adrianowytschs Vorschläge für dezente, aber wirkungsvolle Eingriffe in der Kulturstraße unverzüglich umzusetzen. Das kann doch für die Stadt nicht so schwer sein - und teuer ist es auch nicht …

Eine Wespe hat den Kuchen für sich entdeckt. Christian Wick, vom ehemaligen Gasthof "Roter Hahn", erzählt, wie die Kinder in der Wirtschaft früher einem greisen Mann förmlich an den Lippen hingen. Arm sei er gewesen, aber zu erzählen hatte er wie kein anderer, weil er mit Räuberpistolen aufwartete. Er drückte mit Mathias Kneißl die Schulbank und war mit ihm bis zu dessen Hinrichtung befreundet. Louisa, die an unserem ersten Dienstag zehn geworden ist, besucht uns wieder. Ihre Ferien gehen zu Ende, sie kommt aufs Gymnasium. Und Josef Sorko, der Ingenieur aus Österreich, der heute in der Kulturstraße lebt, erzählt, wie er vor 26 Jahren Statist am Theater geworden ist. Sein Sohn wollte mitmachen, und ihm war es bei dem zweiten Stück zu dumm, immer nur den Fahrer zu spielen. Also fing er auch als Statist an.

Und dann ist doch noch Zeit für den Datschi. "Sie müssen ihn mit der Sahne essen", sagt die freundliche Frau, die uns damit beglückt. Zum Abschied kommt Wehmut auf. Sechs Dienstage war die Kulturstraße das schönste Büro. Wir stehen auf der Leiter, um unser Transparent für immer einzuholen. Es fehlen ein paar Zentimeter. Aber da ist ja Therese Riemensperger, die von Anfang an ein guter Geist an unserem Schreibtisch war. Sie bringt ein langes Küchenmesser. Das war’s.

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